Rote Fahne vor Odessa

Artikel in der Analyse & Kritik vom 16.6.2015. Zur PDF-Version geht es hier.

Vor 110 Jahren meuterte die Besatzung des Panzerkreuzers Potemkin – ein zentrales Ereignis der Revolution von 1905

von Johannes Spohr

Die Hafenstadt Odessa ist ohne ihre Mythen kaum denkbar. Zu ihnen gehören das Gangster- und Gaunerleben der 1920er Jahre und die dazugehörigen Chansons von Leonid Utjossow, die Partisanenaktivitäten in den Katakomben Odessas im Zweiten Weltkrieg, die sprachlichen Eigenarten der von Vielfalt und Migration geprägten Stadt oder auch die Revolution von 1905 – und die im gleichen Atemzug zu nennende Meuterei auf dem Panzerkreuzer Potemkin, ein Mythos, der maßgeblich durch den gleichnamigen Stummfilm gewachsen ist. Continue reading

CECTPA in Bremen und Neukölln

Im Dezember finden zwei weitere Vorführungen des Films CECTPA statt, in dem die ehemalige Rotarmistin Eva Vater porträtiert wird.

Am 16. Dezember 2014 zeigt die Gruppe f*ab in Kooperation mit dem Cinema im Ostertor in Bremen CECTPA.

Am Donnerstag, den 18. Dezember 2014 wird CECTPA im Anton-Schmaus-Haus der Falken in Neukölln zu sehen sein. Das Anton-Schmaus-Haus befindet sich in der Gutschmidtstraße 37. Im Jahr 2011 wurde das Kinder-und-Jugendzentrum der Sozialistischen Jugend zweimal von Nazis mit Brandanschlägen schwer verwüstet. Der Film läuft im Programm vom “Roten Kino” um 20 Uhr.

Auch diesmal wird Johannes Spohr eingangs zum Thema Frauen in der Roten Armee einführen.

СЕСТРА: Vorführungen im November

Im November finden in Berlin zwei Vorführungen des Films CECTPA statt, in dem die ehemalige Rotarmistin Eva Vater porträtiert wird, ergänzt durch kurze Einführungen in das Thema.

von der Filmseite:
“Wir freuen uns, dass CECTPA im November zweimal in Berlin zu sehen sein wird. Am Donnerstag, den 20. November 2014 wird der Film im Anton-Schmaus-Haus der Falken in Neukölln zu sehen sein. Das Anton-Schmaus-Haus befindet sich in der Gutschmidtstraße 37. Im Jahr 2011 wurde das Kinder-und-Jugendzentrum der Sozialistischen Jugend zweimal von Nazis mit Brandanschlägen schwer verwüstet. Der Film läuft im Programm vom “Roten Kino” um 20 Uhr.

Am 24. November 2014, bereits um 18.00 Uhr, zeigt die Naturfreundejugend Berlin in der Weichselstraße 13/14 in Neukölln den Film.

Bei beiden Vorstellungen wird Johannes Spohr eine kurze Einführung zum Thema Frauen in der Roten Armee geben. Der Journalist hat Eva Vater ebenfalls getroffen und mehrere Beiträge über sie verfasst. Unterstützt werden die Vorstellungen von der Rosa Luxemburg Stiftung.”

Einige bereits veröffentlichte Artikel zu Eva Vater finden sich unter diesem Link.

eisfrei. незамерзающий.

Erschienen im Read Magazin #21, Juli/ August 2014:

von Johannes Spohr

London calling, yes, I was there, too
An’ you know what they said? Well, some of it was true!“

The Clash – London Calling

 

Der größte Matrose in Murmansk steht hoch über der Stadt. Der 39 Meter hohe Aljoscha erinnert, gewärmt von einer „ewigen Flamme“, an die Kämpfer der Arktis und soll die Heldenstadt vor Feinden bewahren. Sein Blick richtet er nicht nur Richtung Finnland, er schielt gleichzeitig auf einen Ort, den aufzufinden mehrere Tage dauert. Die Matrosenbar, es musste sie geben in einer Hafenstadt voller Kräne und Möwen – so meine feste Annahme. Von dieser nicht abzurücken zahlte sich nun aus, handelt es sich doch bei Murmansk nicht nur um einen Ort, dessen Existenz genauso wie Realität in dichtem Austausch mit zahlreichen Mythen steht, sondern – wie ich nun lernen soll – gleichzeitig ein Paradies der Entlarvung falscher Annahmen über die Pola-Region1 ist. Continue reading

Kidnapping became common

Erschienen im Read Magazin #21, Juli/ August 2014:

 von Johannes Spohr

Anna Makarenkova aus Donetsk arbeitet in einer NGO und möchte aus Sicherheitsgründen anonym bleiben. Sie hat sich intensiv mit der Geschichte ihres Großvaters beschäftigt, der zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurde und ein Konzentrationslager überlebt hat.

Eingestreut sind Exzerpte eines Chats mit Anna Makarenkova nach meiner Rückkehr nach Deutschland.

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Platz auf dem Sockel

Artikel in der Analyse & Kritik #595:

Geschichte, Narrative und historische Symbole im Ukrainekonflikt

Von Johannes Spohr

Feierabend für Lenin: Am 21. Februar 2014 fällt die 1971 errichtete Statue im Zentrum der Stadt Schytomyr, 120 Kilometer westlich von Kiew. Mithilfe eines Lastkraftwagens wird sie unter dem Jubel von etwa 500 Menschen vom Sockel gerissen. Zu den begleitenden Parolen, die durch die Nacht hallen, gehört nicht nur »Ruhm der Ukraine«, sondern auch »Revolution«. Einige Anwesende stecken sich Bruchstücke des gefallenen Revolutionsführers als Andenken ein. Doch es bleibt nicht bei der Zerstörung. Wie in vielen Städten, in denen Lenin wahlweise abgebaut oder auch »geschlachtet« wird, hängt an dem verbliebene Sockel wenig später ein Plakat mit Bildern der in diesen Tagen im Zentrum Kiews ermordeten Menschen, der »Helden des Maidan«. Häufig kommen Menschen an diesen zentralen Platz und legen Blumen nieder.

Diese Zeremonie ist Teil eines umfassenden Abschieds vom Sowjeterbe in der Ukraine, wie auch ein anschaulicher Versuch der Etablierung eines neues Gedenkens. Continue reading

Gedenkorte und die Fontäne von Winnyzja

Artikel im Neuen Deutschland vom 13. Juni:

Die Stadt scheint fast vergessen zu machen, dass die Ukraine unruhige Zeiten durchlebt

Dem äußeren Anschein nach zeigt sich die ukrainische Gebietshauptstadt Winnyzja von den Ereignissen im Lande nahezu unbeeindruckt.

Von Johannes Spohr

Glühende Zigarettenstummel fliegen im 20-sekündigen-Abstand von den Balkonen des Hauses der Gewerkschaften des Gebiets Winnyzja in die Nacht. Der Rasen, auf dem sie landen, ist noch nass von einem heftigen Gewitter, das jeden Nachmittag wiederzukehren scheint. Nachdem in den letzten Monaten Gewerkschaftsgebäude in Kiew und Odessa gebrannt haben, kann ich zunächst ein leicht mulmiges Gefühl aufgrund dieser Unterkunft nicht ganz verdrängen. Doch in Winnyzja gibt es diesbezüglich kaum Anlass zur Sorge. Continue reading

Mörderische Kalkulationen

Ich kann bis heute nichts tun oder sogar denken, wenn ich Hunger habe oder es sehr kalt ist.“ Doroteja Palej, *1936, 1941-1945 in Leningrad

Die Hungerplan-Konferenz – die Neuordnung Europas und der Vernichtungskrieg

2. Mai 1941 – 2. Mai 2014

Ein Theaterstück des Historikerlabors

Doroteja Palej gehörte während des Zweiten Weltkrieges zu den Menschen in der Sowjetunion, die von den Folgen der Hungerplankonferenz betroffen waren. Die so bezeichnete Besprechung deutscher Militärs und Staatssekretäre in Berlin am 2. Mai 1941, bei der der Tod von „zig Millionen Menschen“ als Folge der deutschen Kriegsführung einkalkuliert wurde, wird momentan im Deutsch-Russischen Museum Karlshorst auf die Bühne gebracht. Continue reading

Die Friedhöfe von Saritschani

Auf den Spuren der deutschen Besatzer im damaligen »Reichskommissariat Ukraine«.

Reportage in der Konkret 2/2014

von Johannes Spohr

Die Ukraine ist eines der Länder, in denen die nationalsozialistischen Besatzer besonders tiefe Spuren hinterlassen haben. In Deutschland interessieren sich dafür allerdings bis heute nur sehr wenige. Die West- und die Zentral-Ukraine wurden während der Zeit der Deutschen Besatzung von 1941 bis 1945 zum »Reichskommissariat Ukraine«, in dem die Siedlungspolitik, die sogenannte Germanisierung, wie auch die Vernichtung der Juden zu den Hauptzielen der Nazis gehörten. Continue reading

Die Chronistin

Artikel im Neuen Deutschland vom 30.1.2014:

»Die Menschen werden sein, und man wird sie nicht vergessen, denn: Die Bücher werden sein.«

Die lettische Jüdin und ehemalige Rotarmistin Eva Vater lebt heute in Tel Aviv. Im Kino Krokodil ist jetzt ein Film zu sehen, der sie porträtiert

Von Johannes Spohr

»Nu, was willst du gern wissen?«, fragt mich Eva Vater, die mir in ihrer bescheiden eingerichteten Wohnung im Zentrum Tel Avivs bei Kaffee und Keksen gegenübersitzt. Die heute 91-Jährige wurde 1922 in Riga geboren. Im Juni 1941 wurde sie mit einem der letzten Transporte der Roten Armee für junge Kommunist_innen aus der von den Deutschen besetzten Stadt evakuiert. Continue reading