Zögerliche Justiz

Artikel in der Jungle World vom

Gegen zwei mutmaßlich am Massenmord in Babyn Jar im Jahr 1941 Beteiligte wurde Anzeige gestellt. Doch die Ermittlungen gegen noch lebende NS-Täter verlaufen schleppend.

 

»Also, wenn Sie mich ausfragen wollen, da haben Sie Pech. Ich habe nichts zu verbergen.« Der 95jährige Herbert Wahler wurde stur, als ihn Journalisten konkreter darauf ansprachen, was seine Einheit 1941 in der Ukraine getan hatte. Bis dahin schien er nicht ungern mit dem Team des Fernsehmagazins »Kontraste« über die Kriegszeit zu plaudern. Wahler gehörte während des Zweiten Weltkriegs einer Einheit der Waffen-SS an, die einigen Dokumenten zufolge in die Einsatzgruppe C eingegliedert war. Continue reading

Rote Fahne vor Odessa

Artikel in der Analyse & Kritik vom 16.6.2015. Zur PDF-Version geht es hier.

Vor 110 Jahren meuterte die Besatzung des Panzerkreuzers Potemkin – ein zentrales Ereignis der Revolution von 1905

von Johannes Spohr

Die Hafenstadt Odessa ist ohne ihre Mythen kaum denkbar. Zu ihnen gehören das Gangster- und Gaunerleben der 1920er Jahre und die dazugehörigen Chansons von Leonid Utjossow, die Partisanenaktivitäten in den Katakomben Odessas im Zweiten Weltkrieg, die sprachlichen Eigenarten der von Vielfalt und Migration geprägten Stadt oder auch die Revolution von 1905 – und die im gleichen Atemzug zu nennende Meuterei auf dem Panzerkreuzer Potemkin, ein Mythos, der maßgeblich durch den gleichnamigen Stummfilm gewachsen ist. Continue reading

“Hauptsache nicht zu Russland”

Reportage in der Jungle World vom 18. Juni 2015:

Die Ukraine befindet sich am Rande des wirtschaftlichen Zusammenbruchs. Bereits jetzt können viele Menschen, insbesondere auf dem Land, ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten, unabhängig davon, ob sie Arbeit haben oder nicht. Eine Reportage über die soziale Lage am Rande des Kampfgebiets.

von Johannes Spohr

Am 20. Mai 2015 wurde ein Mann in Odessa vor dem zentralen Markt Priwos von einer Spezial­einheit der Miliz überwältigt und verhaftet. Eine Bombenattrappe und eine Luftpistole wurden ­sichergestellt. Der Festgenommene hatte vorher in einer Apotheke zwei Geiseln genommen. Gerüchten zufolge war seine Motivation, Geld für seine krebskranke Mutter zu erbeuten.

Abseits der Frage, ob Gerücht und Wahrheit in diesem Fall übereinstimmen, verwundern derartige Taten angesichts der sozialen und ökonomischen Lage in der Ukraine kaum noch. Continue reading

Vergeben will niemand

Artikel in der Jungle World vom 7. Mai 2015:

Am 2. Mai wurde in Odessa den Opfern der Ausschreitungen und des Brandes im Gewerkschaftshaus von vor einem Jahr gedacht. Von beiden Seiten.

von Johannes Spohr

Offiziellen Angaben zufolge ist es am 2. Mai ruhig geblieben in Odessa. Es war eine Ruhe im Angesicht von etwa 4 000 Soldaten, Polizisten und freiwilligen Helferinnen und Helfern. Befürchtet wurden Szenen wie die, die sich vor genau einem Jahr in der ukrainischen Hafenstadt abspielten. Am 2. Mai 2014 hatte eine Reihe von schweren Auseinandersetzungen auf den Straßen stattgefunden, bei denen auf der einen Seite Anhänger der Maidan-Bewegung und verschiedener rechter Gruppen sowie Fußballhooligans, auf der anderen russlandfreundliche Gegner der neuen Regierung und der Maidan-Bewegung beteiligt waren. Mindestens 42 Menschen starben im vom pro-ukrainischen Mob angezündeten Gewerkschaftshaus auf dem Kulikowo-Feld, Hunderte wurden verletzt. Zuvor waren in der Innenstadt mehrere pro-ukrainische Aktivisten durch Schüsse umgekommen. Continue reading

Millionäre mit Mietproblemen

Artikel in der Jungle World vom 19.3.2015:

Politisch profitiert das belorussische Regime vom Ukraine-Konflikt, doch die ­Anbindung an Russland schadet der Wirtschaft.

von Johannes Spohr

Um den Verlust seiner Macht muss sich der belorussische Präsident Alexander Lukaschenko derzeit kaum Sorgen machen. Schenkt man den Umfragen des Unabhängigen Instituts für sozioökonomische und politische Studien (IISEPS) Glauben, hat seine Popularität seit der Ukraine-Krise sogar zugenommen. So gaben im August vorigen Jahres 63,2 Prozent der Befragten in Belarus an, die Umbrüche in der Ukraine und konkret den Euromaidan nicht zu unterstützen. Über die Hälfte stimmte mit den Verlautbarungen der in Belarus beliebten russischen Fernsehsender überein, nach denen die neue Regierung in Kiew faschistisch sei. Continue reading

Tot in Odessa

Der Film Lauffeuer beschäftigt sich mit den Ereignissen rund um den 2. Mai 2014 in Odessa.

Vielen, die sich mit den politischen Entwicklungen in der Ukraine seit der Maidan-Bewegung beschäftigen, gilt den 2. Mai 2014 als ein Wendepunkt. Bis dahin hatten in der Stadt konkurrierende Strömungen mit unterschiedlichen Auffassungen zu den Umwälzungen in der Ukraine öffentlich Präsenz gezeigt und sich dabei weder die „Maidan“- noch die „Anti-Maidan“-Demonstrant_innen deutlich durchgesetzt. Continue reading

“Patriotismus ist zur Mode geworden”

Reportage in der Jungle World vom 12.2.2015:

Viele ukrainische »Patrioten« verstehen sich nicht als Rechte, sondern als Verfechter der ukrainischen Nation. Vor allem der Kampf gegen die Korruption sei ihnen wichtig, sagen sie. Ein Besuch in Odessa.

von Johannes Spohr

Ein Knall. Die Situation ist vielleicht zu offensichtlich, um als das erkannt zu werden, was sie ist: ein Bombenanschlag. Die zwei Soldaten in Camouflage, die noch zwischen den üblichen fünf Fernsehern einer Bar im Zentrum Odessas Bier trinken, springen hoch und anschließend auf die Straße. Einer von ihnen trägt ein Emblem des Bataillon Asow, einer im Zuge der Ukraine-Krise gegründeten rechtsextremen Miliz. Continue reading