„Meine neue Freiheit hält mich gefangen und lähmt mich.“

Vor kurzem erschien „Astragalus“ von Albertine Sarrazin im Hanser Verlag.

von Johannes Spohr

Ein Ausbruch aus dem Gefängnis sorgt nicht immer für das Gefühl von Freiheit: Als die neunzehnjährige Anne den Sprung von der Knastmauer wagt, bricht sie sich das Sprungbein, den Astragalus. Die Flucht gelingt ihr trotzdem mit der Hilfe von Julien, der sie von der Straße aufsammelt und in Sicherheit bringt. Auch er hat bereits Erfahrung mit dem Knast gesammelt, was die beiden ad hoc zu vertrauten Verbündeten macht. Es entsteht eine Flucht- und Liebesgeschichte, die für Anne vor allem von Abhängigkeiten und dem Versuch der Wiedererlangung von Autonomie geprägt ist. Die Geschichte beginnt mit dem Ausbruch und führt nur insofern in den Knast zurück, wenn sich die Situation in Freiheit ähnelt. Die Orte, an denen Anne versteckt wird, kann sie sich nicht selbst aussuchen, stattdessen ist sie auf die Netzwerke ihres Freundes angewiesen und kann sich aufgrund ihrer Verletzung wie auch der Gefahr der Festnahme nicht davon lösen. Scheinbar in diesem Dilemma gefangen, findet sie schließlich – meist ebenfalls schwierige – Wege, sich stückweise Autonomie anzueignen. Der Knast bleibt durch dort erlernte Gewohnheiten und durch die Verfolgung stets präsent.

An manchen Stellen, vor allem beim zunächst missglückten Fluchtversuch, würde man von der Situation eher das Gegenteil erwarten: die Rettung überrascht. Doch Albertine Sarrazin wusste, wovon die schrieb: Sie selbst machte bereits in ihrer Jugend Erfahrung mit einsperrenden Institutionen, ebenso mit Flucht aus denselben. Der in Frankreich bereits 1965 als „L’Astragale“ erschienener Roman wurde für viele Angehörige ihrer Generation prägend: „Zum ersten Mal spricht eine Frau über ihre Gefängnisse“, schrieb Simone de Beauvoir, von Patti Smith stammt das bewegende Nachwort dieser Neuausgabe. Die beschriebenen Erfahrungen sind immer wieder eng mit der weiblichen Sozialisation der Protagonistin verwoben. In vielerlei Hinsicht unterscheiden sich nicht nur diese, sondern auch die Sprachwahl und Einblicke ins Gefühlsleben von eher männlich-heroisierenden Darstellungen wie beispielsweise die Thomas Bravens (LINK). Selbstbewusstsein hat hier genauso Platz wie Verletzbarkeit, Stärke wie Schwäche.

Elisabeth Ruge bezeichnete das Werk Sarrazins zu Recht als „Feuerwerk“. Verschiedene Sprechweisen vermischen sich, auch der Knastjargon fließt immer wieder ein. Härte und Poesie kommen in einem dichten, spannenden Text zusammen.

Albertine Sarrazin wurde nur 29 Jahre alt und seit einer ersten deutschen Übersetzung 1966 nahezu vergessen. Was ihren Text auch heute interessant macht ist die selten gewordene Perspektive der Flucht und die Beschreibung von Möglichkeiten und Schwierigkeiten solidarischer Netzwerke.

Eine derart ambivalente Beschreibungen mit einer Perspektive, die Knastmauern überwinden will, hat die nun durch dem Hanser Verlag verdankte Verbreitung mehr als verdient.

Albertine Sarrazin: Astragalus, 240 Seiten, Hanser Verlag, 19,90 Euro.

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