Vergeben will niemand

Artikel in der Jungle World vom 7. Mai 2015:

Am 2. Mai wurde in Odessa den Opfern der Ausschreitungen und des Brandes im Gewerkschaftshaus von vor einem Jahr gedacht. Von beiden Seiten.

von Johannes Spohr

Offiziellen Angaben zufolge ist es am 2. Mai ruhig geblieben in Odessa. Es war eine Ruhe im Angesicht von etwa 4 000 Soldaten, Polizisten und freiwilligen Helferinnen und Helfern. Befürchtet wurden Szenen wie die, die sich vor genau einem Jahr in der ukrainischen Hafenstadt abspielten. Am 2. Mai 2014 hatte eine Reihe von schweren Auseinandersetzungen auf den Straßen stattgefunden, bei denen auf der einen Seite Anhänger der Maidan-Bewegung und verschiedener rechter Gruppen sowie Fußballhooligans, auf der anderen russlandfreundliche Gegner der neuen Regierung und der Maidan-Bewegung beteiligt waren. Mindestens 42 Menschen starben im vom pro-ukrainischen Mob angezündeten Gewerkschaftshaus auf dem Kulikowo-Feld, Hunderte wurden verletzt. Zuvor waren in der Innenstadt mehrere pro-ukrainische Aktivisten durch Schüsse umgekommen. Continue reading

Millionäre mit Mietproblemen

Artikel in der Jungle World vom 19.3.2015:

Politisch profitiert das belorussische Regime vom Ukraine-Konflikt, doch die ­Anbindung an Russland schadet der Wirtschaft.

von Johannes Spohr

Um den Verlust seiner Macht muss sich der belorussische Präsident Alexander Lukaschenko derzeit kaum Sorgen machen. Schenkt man den Umfragen des Unabhängigen Instituts für sozioökonomische und politische Studien (IISEPS) Glauben, hat seine Popularität seit der Ukraine-Krise sogar zugenommen. So gaben im August vorigen Jahres 63,2 Prozent der Befragten in Belarus an, die Umbrüche in der Ukraine und konkret den Euromaidan nicht zu unterstützen. Über die Hälfte stimmte mit den Verlautbarungen der in Belarus beliebten russischen Fernsehsender überein, nach denen die neue Regierung in Kiew faschistisch sei. Continue reading

Tot in Odessa

Der Film Lauffeuer beschäftigt sich mit den Ereignissen rund um den 2. Mai 2014 in Odessa.

Vielen, die sich mit den politischen Entwicklungen in der Ukraine seit der Maidan-Bewegung beschäftigen, gilt den 2. Mai 2014 als ein Wendepunkt. Bis dahin hatten in der Stadt konkurrierende Strömungen mit unterschiedlichen Auffassungen zu den Umwälzungen in der Ukraine öffentlich Präsenz gezeigt und sich dabei weder die „Maidan“- noch die „Anti-Maidan“-Demonstrant_innen deutlich durchgesetzt. Continue reading

“Patriotismus ist zur Mode geworden”

Reportage in der Jungle World vom 12.2.2015:

Viele ukrainische »Patrioten« verstehen sich nicht als Rechte, sondern als Verfechter der ukrainischen Nation. Vor allem der Kampf gegen die Korruption sei ihnen wichtig, sagen sie. Ein Besuch in Odessa.

von Johannes Spohr

Ein Knall. Die Situation ist vielleicht zu offensichtlich, um als das erkannt zu werden, was sie ist: ein Bombenanschlag. Die zwei Soldaten in Camouflage, die noch zwischen den üblichen fünf Fernsehern einer Bar im Zentrum Odessas Bier trinken, springen hoch und anschließend auf die Straße. Einer von ihnen trägt ein Emblem des Bataillon Asow, einer im Zuge der Ukraine-Krise gegründeten rechtsextremen Miliz. Continue reading

Bewaffnung und Gelassenheit

Artikel auf antifainfoblatt.de vom 30.7.2014.

von Johannes Spohr

Die Aussagen und Einschätzungen über die Situation der Jüdischen Bevölkerung in der Ukraine seit den Protesten auf dem Maidan könnten unterschiedlicher kaum sein.

Als Moshe Reuven Azman, Rabbiner einer jüdischen Gemeinde in Kiew, im Februar laut der israelischen Zeitung Ha’aretz die Mitglieder seiner Gemeinde dazu aufrief, die Stadt und wenn möglich auch das Land zu verlassen, entstand international ein Lauffeuer in den Medien, das einen besorgniserregenden Eindruck hinterließ. Continue reading

Kidnapping became common

Erschienen im Read Magazin #21, Juli/ August 2014:

 von Johannes Spohr

Anna Makarenkova aus Donetsk arbeitet in einer NGO und möchte aus Sicherheitsgründen anonym bleiben. Sie hat sich intensiv mit der Geschichte ihres Großvaters beschäftigt, der zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurde und ein Konzentrationslager überlebt hat.

Eingestreut sind Exzerpte eines Chats mit Anna Makarenkova nach meiner Rückkehr nach Deutschland.

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“Habt doch keine Angst – Wir wollen nur auf die Toilette”

Der Maidan, die Präsidentschaftswahl und das Zusammenleben in einem zerrissenen Land – Stimmen aus der Ukraine

Interview auf Radio Dreyeckland

Während im Osten der Ukraine die Militäroperation weiter läuft, ist auf dem Majdan Ruhe eingekehrt, man wartet die Präsidentschaftswahlen am kommenden Sonntag ab. Johannes und Darius aus Berlin haben Ljuba Sotschka in Kiev getroffen und mit ihr über die gegenwärtige Situation und die anstehenden Wahlen gesprochen. Sie arbeitet für die Stiftung „Verständigung und Toleranz“, die sich um Entschädigungszahlungen an NS-Opfer in der Ukraine kümmert und hat sich aktiv an den Protesten auf dem Majdan beteiligt.