Zögerliche Justiz

Artikel in der Jungle World vom

Gegen zwei mutmaßlich am Massenmord in Babyn Jar im Jahr 1941 Beteiligte wurde Anzeige gestellt. Doch die Ermittlungen gegen noch lebende NS-Täter verlaufen schleppend.

 

»Also, wenn Sie mich ausfragen wollen, da haben Sie Pech. Ich habe nichts zu verbergen.« Der 95jährige Herbert Wahler wurde stur, als ihn Journalisten konkreter darauf ansprachen, was seine Einheit 1941 in der Ukraine getan hatte. Bis dahin schien er nicht ungern mit dem Team des Fernsehmagazins »Kontraste« über die Kriegszeit zu plaudern. Wahler gehörte während des Zweiten Weltkriegs einer Einheit der Waffen-SS an, die einigen Dokumenten zufolge in die Einsatzgruppe C eingegliedert war. Continue reading

Täuschung, Vernichtung und Orchester.

Doppelrezension Theresienstadt.

Erschienen auf rosalux.de. Eine gekürzte Version ist in der aktuellen Ausgabe der Analyse & Kritik erschienen.

von Johannes Spohr

9. Juli 1943

Papa hat mir eine riesige Freude gemacht, er ließ für mich mein Wahrzeichen malen, den Leuchtturm. Leuchtturm – Freiheit – Hoffnung – Selbstständigkeit – Sei bereit –

Einige von den Nationalsozialisten geschaffenen Mythen haben sehr lange überdauert. Dazu gehört, dass die Existenzbedingungen in Theresienstadt gut oder zumindest besser als in den anderen Lagern gewesen seien und der Ort ein „bevorzugter Ort” für deutsche Juden bzw. ein privilegiertes „Altersghetto” sei. Zwei neuere Veröffentlichungen zum Ort Theresienstadt konfrontieren diese Mythen: die persönlichen Erinnerungen von Helga Pollak-Kinsky sowie eine wissenschaftlich-quellenbasierte Monografie des Historikers Wolfgang Benz. Continue reading

Gedenkorte und die Fontäne von Winnyzja

Artikel im Neuen Deutschland vom 13. Juni:

Die Stadt scheint fast vergessen zu machen, dass die Ukraine unruhige Zeiten durchlebt

Dem äußeren Anschein nach zeigt sich die ukrainische Gebietshauptstadt Winnyzja von den Ereignissen im Lande nahezu unbeeindruckt.

Von Johannes Spohr

Glühende Zigarettenstummel fliegen im 20-sekündigen-Abstand von den Balkonen des Hauses der Gewerkschaften des Gebiets Winnyzja in die Nacht. Der Rasen, auf dem sie landen, ist noch nass von einem heftigen Gewitter, das jeden Nachmittag wiederzukehren scheint. Nachdem in den letzten Monaten Gewerkschaftsgebäude in Kiew und Odessa gebrannt haben, kann ich zunächst ein leicht mulmiges Gefühl aufgrund dieser Unterkunft nicht ganz verdrängen. Doch in Winnyzja gibt es diesbezüglich kaum Anlass zur Sorge. Continue reading

Unsere Täterinnen, unsere Täter.

Johannes Spohr kritisiert den ZDF-Mehrteiler “Unsere Mütter, unsere Väter”. Erschienen am 11.4.2013 auf www.rosalux.de.

And we breathe it in
There is no need to forgive
Breathe it in, there is no need to forgive
(again)

 And we know who you are
And we know where you live
And we know there’s no need to forgive

Nick Cave – We No Who U R (2013)

Man könnte sich wünschen, Nick Cave meine mit seinem neuen Song die deutschen Nazis und ihre Nachfahren. 15 Jahre nach der öffentlichen Diskussion um die Rolle der Wehrmacht im Vernichtungskrieg erlaubt sich die deutsche Öffentlichkeit eine Debatte darüber, ob „unsere Mütter, unsere Väter“ wirklich so grausam waren. Continue reading