Nur rote Winkel – Gedenken in Buchenwald, Sachsenhausen und Ravensbrück

Artikel in Der rechte Rand Nr. 154 gemeinsam mit Roman Guski

KZ-Gedenkstätten sperren sich qua Existenz gegen Verdrängung, Verharmlosung und Leugnung von Terrorherrschaft und Völkermord, indem sie die Verbrechen der Nazis am historischen (Tat-)Ort dokumentieren und ihre Spuren konservieren. Sie sind keine »authentischen Orte«, sondern vielfach ver- und überformtes Gelände, dem nicht a priori ein unauslöschliches Erinnerungsschema eingeschrieben ist. Was und wie erinnert wird, ist dem politischen und kulturellen Wandel unterworfen. Der Blick auf die Entstehung und Entwicklung der ostdeutschen Gedenkstätten macht deutlich, dass die Vergangenheit ihre Interpretation nicht vorwegnimmt. Continue reading

“Hauptsache nicht zu Russland”

Reportage in der Jungle World vom 18. Juni 2015:

Die Ukraine befindet sich am Rande des wirtschaftlichen Zusammenbruchs. Bereits jetzt können viele Menschen, insbesondere auf dem Land, ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten, unabhängig davon, ob sie Arbeit haben oder nicht. Eine Reportage über die soziale Lage am Rande des Kampfgebiets.

von Johannes Spohr

Am 20. Mai 2015 wurde ein Mann in Odessa vor dem zentralen Markt Priwos von einer Spezial­einheit der Miliz überwältigt und verhaftet. Eine Bombenattrappe und eine Luftpistole wurden ­sichergestellt. Der Festgenommene hatte vorher in einer Apotheke zwei Geiseln genommen. Gerüchten zufolge war seine Motivation, Geld für seine krebskranke Mutter zu erbeuten.

Abseits der Frage, ob Gerücht und Wahrheit in diesem Fall übereinstimmen, verwundern derartige Taten angesichts der sozialen und ökonomischen Lage in der Ukraine kaum noch. Continue reading

“Patriotismus ist zur Mode geworden”

Reportage in der Jungle World vom 12.2.2015:

Viele ukrainische »Patrioten« verstehen sich nicht als Rechte, sondern als Verfechter der ukrainischen Nation. Vor allem der Kampf gegen die Korruption sei ihnen wichtig, sagen sie. Ein Besuch in Odessa.

von Johannes Spohr

Ein Knall. Die Situation ist vielleicht zu offensichtlich, um als das erkannt zu werden, was sie ist: ein Bombenanschlag. Die zwei Soldaten in Camouflage, die noch zwischen den üblichen fünf Fernsehern einer Bar im Zentrum Odessas Bier trinken, springen hoch und anschließend auf die Straße. Einer von ihnen trägt ein Emblem des Bataillon Asow, einer im Zuge der Ukraine-Krise gegründeten rechtsextremen Miliz. Continue reading

eisfrei. незамерзающий.

Erschienen im Read Magazin #21, Juli/ August 2014:

von Johannes Spohr

London calling, yes, I was there, too
An’ you know what they said? Well, some of it was true!“

The Clash – London Calling

 

Der größte Matrose in Murmansk steht hoch über der Stadt. Der 39 Meter hohe Aljoscha erinnert, gewärmt von einer „ewigen Flamme“, an die Kämpfer der Arktis und soll die Heldenstadt vor Feinden bewahren. Sein Blick richtet er nicht nur Richtung Finnland, er schielt gleichzeitig auf einen Ort, den aufzufinden mehrere Tage dauert. Die Matrosenbar, es musste sie geben in einer Hafenstadt voller Kräne und Möwen – so meine feste Annahme. Von dieser nicht abzurücken zahlte sich nun aus, handelt es sich doch bei Murmansk nicht nur um einen Ort, dessen Existenz genauso wie Realität in dichtem Austausch mit zahlreichen Mythen steht, sondern – wie ich nun lernen soll – gleichzeitig ein Paradies der Entlarvung falscher Annahmen über die Pola-Region1 ist. Continue reading

Gedenkorte und die Fontäne von Winnyzja

Artikel im Neuen Deutschland vom 13. Juni:

Die Stadt scheint fast vergessen zu machen, dass die Ukraine unruhige Zeiten durchlebt

Dem äußeren Anschein nach zeigt sich die ukrainische Gebietshauptstadt Winnyzja von den Ereignissen im Lande nahezu unbeeindruckt.

Von Johannes Spohr

Glühende Zigarettenstummel fliegen im 20-sekündigen-Abstand von den Balkonen des Hauses der Gewerkschaften des Gebiets Winnyzja in die Nacht. Der Rasen, auf dem sie landen, ist noch nass von einem heftigen Gewitter, das jeden Nachmittag wiederzukehren scheint. Nachdem in den letzten Monaten Gewerkschaftsgebäude in Kiew und Odessa gebrannt haben, kann ich zunächst ein leicht mulmiges Gefühl aufgrund dieser Unterkunft nicht ganz verdrängen. Doch in Winnyzja gibt es diesbezüglich kaum Anlass zur Sorge. Continue reading

Feierabend

In der Ukraine munkelt man, am Sonntag werde ein neuer Präsident gewählt. Im Osten des Landes wissen viele nicht, wie sie sich daran beteiligen sollen. Über 50.000 eingesetzte Polizisten werden weder an der Entschlossenheit der Seperatisten noch an der Gewissheit über ein Fortleben der Oligarchenherrschaft etwas ändern. Die Ruhe zwischen den Wahlzelten gibt zu erkennen, dass bedeutende Entscheidungen abseits der Urnen getroffen werden. Petro Poroshenko wird aller Voraussicht derjenige sein, der diesem Zustand ein Gesicht verleiht.

Feierabend für den Maidan. Kyjiw, Mai 2014.

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Die Friedhöfe von Saritschani

Auf den Spuren der deutschen Besatzer im damaligen »Reichskommissariat Ukraine«.

Reportage in der Konkret 2/2014

von Johannes Spohr

Die Ukraine ist eines der Länder, in denen die nationalsozialistischen Besatzer besonders tiefe Spuren hinterlassen haben. In Deutschland interessieren sich dafür allerdings bis heute nur sehr wenige. Die West- und die Zentral-Ukraine wurden während der Zeit der Deutschen Besatzung von 1941 bis 1945 zum »Reichskommissariat Ukraine«, in dem die Siedlungspolitik, die sogenannte Germanisierung, wie auch die Vernichtung der Juden zu den Hauptzielen der Nazis gehörten. Continue reading

Empörung reicht nicht

Artikel in der Jungle World vom 6.2.2014:

In Indien gibt es viele Gruppen, die mit unterschiedlichen Ansätzen Sexismus, Diskriminierung Gewalt gegen Frauen thematisieren. Manche gehen mit Bambusstöcken gegen die Täter vor.

von Johannes Spohr

Als Hohn, empörend und eine »Bankrotterklärung für die Regierung, die nicht begriffen hat, wie Frauen zu schützen sind«, bezeichnete im Januar die Autorin Binalakshmi Nepram eine aufsehenerregende Initiative der indischen Regierung. Diese ließ in der staatlichen Waffenfabrik einen Revolver speziell für Frauen entwickeln, der laut Verteidigungsministerium »einfach in der Anwendung« sei und für den es keinerlei Schießausbildung bedürfe. Continue reading

Law and Order auf Russisch

Linker Aktivismus und Repression in der Region Murmansk

Artikel in der Phase 2 #47, Dezember 2013:

In der deutschen Berichterstattung zu Menschenrechtsverstößen in Russland dominiert eine starke Distanzierung, die auch dazu dient, sich selbst positiv zu inszenieren. Der Tenor, der beim Anprangern von nicht eingehaltenen »Standards« mitschwingt, ist der einer aufgeklärten Nation, die dem »zurückgebliebenen« Russland nur mal zeigen müsse, wie zeitgenössische Demokratie aussähe. Continue reading