“Hauptsache nicht zu Russland”

Reportage in der Jungle World vom 18. Juni 2015:

Die Ukraine befindet sich am Rande des wirtschaftlichen Zusammenbruchs. Bereits jetzt können viele Menschen, insbesondere auf dem Land, ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten, unabhängig davon, ob sie Arbeit haben oder nicht. Eine Reportage über die soziale Lage am Rande des Kampfgebiets.

von Johannes Spohr

Am 20. Mai 2015 wurde ein Mann in Odessa vor dem zentralen Markt Priwos von einer Spezial­einheit der Miliz überwältigt und verhaftet. Eine Bombenattrappe und eine Luftpistole wurden ­sichergestellt. Der Festgenommene hatte vorher in einer Apotheke zwei Geiseln genommen. Gerüchten zufolge war seine Motivation, Geld für seine krebskranke Mutter zu erbeuten.

Abseits der Frage, ob Gerücht und Wahrheit in diesem Fall übereinstimmen, verwundern derartige Taten angesichts der sozialen und ökonomischen Lage in der Ukraine kaum noch. Continue reading

Kidnapping became common

Erschienen im Read Magazin #21, Juli/ August 2014:

 von Johannes Spohr

Anna Makarenkova aus Donetsk arbeitet in einer NGO und möchte aus Sicherheitsgründen anonym bleiben. Sie hat sich intensiv mit der Geschichte ihres Großvaters beschäftigt, der zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurde und ein Konzentrationslager überlebt hat.

Eingestreut sind Exzerpte eines Chats mit Anna Makarenkova nach meiner Rückkehr nach Deutschland.

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Feierabend

In der Ukraine munkelt man, am Sonntag werde ein neuer Präsident gewählt. Im Osten des Landes wissen viele nicht, wie sie sich daran beteiligen sollen. Über 50.000 eingesetzte Polizisten werden weder an der Entschlossenheit der Seperatisten noch an der Gewissheit über ein Fortleben der Oligarchenherrschaft etwas ändern. Die Ruhe zwischen den Wahlzelten gibt zu erkennen, dass bedeutende Entscheidungen abseits der Urnen getroffen werden. Petro Poroshenko wird aller Voraussicht derjenige sein, der diesem Zustand ein Gesicht verleiht.

Feierabend für den Maidan. Kyjiw, Mai 2014.

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Die Chronistin

Artikel im Neuen Deutschland vom 30.1.2014:

»Die Menschen werden sein, und man wird sie nicht vergessen, denn: Die Bücher werden sein.«

Die lettische Jüdin und ehemalige Rotarmistin Eva Vater lebt heute in Tel Aviv. Im Kino Krokodil ist jetzt ein Film zu sehen, der sie porträtiert

Von Johannes Spohr

»Nu, was willst du gern wissen?«, fragt mich Eva Vater, die mir in ihrer bescheiden eingerichteten Wohnung im Zentrum Tel Avivs bei Kaffee und Keksen gegenübersitzt. Die heute 91-Jährige wurde 1922 in Riga geboren. Im Juni 1941 wurde sie mit einem der letzten Transporte der Roten Armee für junge Kommunist_innen aus der von den Deutschen besetzten Stadt evakuiert. Continue reading

“Ich dachte, das müssen alle wissen”

Artikel auf rosalux.de vom 28.1.2014:

Die lettische Jüdin und ehemalige Rotarmistin Eva Vater lebt heute in Tel Aviv. Vor kurzem erschien ein Film über ihr Leben, der nun unter anderem in Berlin zu sehen ist.

Hupen und Auspuffgeräusche dringen durch das offene Fenster, dazu ein Hauch angenehmen frischen Durchzuges, der die 30 Grad warme Luft aufwirbelt. Ich bekomme Kaffee und Kekse. „Nu, was willst du gern wissen?“ fragt mich die 91-jährige Eva Vater, die mir in ihrer bescheiden eingerichteten Wohnung im Zentrum Tel Avivs gegenüber sitzt. Continue reading

Krieg kostet – manche mehr, manche weniger

Blogbeitrag für wem gehört die welt?

Tel Aviv. Die ökonomische Bilanz des 8-tägigen Krieges zwischen Israel und der Hamas, der vor einer Woche mit einem Waffenstillstands-Abkommen zum Zwecke von Verhandlungen beendet wurde, an deren Zustandekommen hier ohnehin niemand glaubt, ist da: Laut der linksliberalen Haaretz entstanden 400 Millionen Euro Kosten für die Einsätze des israelischen Militärs in der Operation “Wolkensäule”. Continue reading

Blutiger Mai in Syrien – die Iran-Strategie

Mai 2011: Über 9.000 Menschen wurden in Syrien in den vergangenen 9 Wochen verhaftet und in Gewahrsam genommen, es wurden mindestens zwei Gefangenen- und Folterlager in Fussballstadien eingerichtet, unzählige Wohnungen wurden willkürlich durchsucht, Militär hat mit Panzern und Scharfschützen die Vororte von Damascus und Homs, Daraa im Süden und den Küstenort Baniyas besetzt. Continue reading