Rote Fahne vor Odessa

Artikel in der Analyse & Kritik vom 16.6.2015. Zur PDF-Version geht es hier.

Vor 110 Jahren meuterte die Besatzung des Panzerkreuzers Potemkin – ein zentrales Ereignis der Revolution von 1905

von Johannes Spohr

Die Hafenstadt Odessa ist ohne ihre Mythen kaum denkbar. Zu ihnen gehören das Gangster- und Gaunerleben der 1920er Jahre und die dazugehörigen Chansons von Leonid Utjossow, die Partisanenaktivitäten in den Katakomben Odessas im Zweiten Weltkrieg, die sprachlichen Eigenarten der von Vielfalt und Migration geprägten Stadt oder auch die Revolution von 1905 – und die im gleichen Atemzug zu nennende Meuterei auf dem Panzerkreuzer Potemkin, ein Mythos, der maßgeblich durch den gleichnamigen Stummfilm gewachsen ist. Continue reading

“Fi-Fa-Fusel”

Es gibt nur eine Antwort auf die Frage: »Was kann man tun, um das Strafsys­tem zu verbessern?« Nichts. Ein Gefängnis kann nicht verbessert werden. Mit Ausnahme einiger unbedeutender, kleiner Veränderungen kann man absolut nichts tun, als es zu zerstören.

Peter Kropotkin

 

Was für Zeiten: In der Ukraine stürzen Menschen unter „Revolution“-Rufen Lenin-Denkmäler. In der Yogastunde wird nach der „Tiefenentspannung“ mit einem Lächeln gehaucht: „Dass Deutschland gewonnen hat wisst ihr?“ Und auf der von der Gefängnisleitung gebilligten und in der JVA Tegel gedruckten Gefangenenzeitung „Der Lichtblick“ erscheint Anfang letzten Jahres obiges Zitat. Continue reading

“Habt doch keine Angst – Wir wollen nur auf die Toilette”

Der Maidan, die Präsidentschaftswahl und das Zusammenleben in einem zerrissenen Land – Stimmen aus der Ukraine

Interview auf Radio Dreyeckland

Während im Osten der Ukraine die Militäroperation weiter läuft, ist auf dem Majdan Ruhe eingekehrt, man wartet die Präsidentschaftswahlen am kommenden Sonntag ab. Johannes und Darius aus Berlin haben Ljuba Sotschka in Kiev getroffen und mit ihr über die gegenwärtige Situation und die anstehenden Wahlen gesprochen. Sie arbeitet für die Stiftung „Verständigung und Toleranz“, die sich um Entschädigungszahlungen an NS-Opfer in der Ukraine kümmert und hat sich aktiv an den Protesten auf dem Majdan beteiligt.

¡Dalton presente!

Von einer „juristischen Barbarei“ sprach der Sohn Roque Daltons, nachdem ein salvadorianisches Gericht 2012 beschloss, dass der Mord an seinem Vater straflos bleiben soll. Einige Aufnahmen der Pressekonferenz des teils international wahrnehmbaren Prozesses sind nun auch in einem Film zu sehen, der den Poet und Revolutionär Roque Dalton porträtiert. Continue reading

“immer noch untertrieben”

„Ich hasse all diese Leute, diese ganze verfickte Generation. Alle, die in den
Neunzigern aufgewachsen sind. Fuck in den Ofen mit diesen Rindviechern, in den von
Ausschwitz, es ist um keinen schade, die ganze Generation, (..) und mich gleich mit rein, geht in Ordnung.“

Exodus von DJ Stalingrad erschien vor kurzem bei dem Berliner Verlag Matthes und Seitz.

Als „therapeutisches Tagebuch“ bezeichnet der Autor Petr Silaev sein Roman „Exodus“ (Is’chod). Sein langjähriges Pseudonym DJ Stalingrad hat er inzwischen hinter sich gelassen, auch mit seinem Gesicht tritt er offen auf. Bis er politisches Asyl in Finnland erhielt, hatte er gute Gründe, sich versteckt zu halten. Continue reading

„Der beste Gefangene ist ein Ehemaliger.“

Als „ein Stück Rebellion gegen den Knast“ bezeichnen die Herausgeber_innen ein Dokument, welches unter dem Pseudonym Thomas Braven zum ersten Mal 1989 im „Paranoia City“ Verlag in Zürich erschienen ist.

Im damaligen Vorwort heißt es: „Das Schreiben ist eine Art, über die Mauer zu klettern, sie zum bröckeln zu bringen, zu diskutieren…sowohl drinnen wie draußen.“ Bravens „Vogelperspektive“, die den Leser_innen vor allem eine „Innenperspektive“ verschiedener Situationen bietet, eignet sich für eine Diskussion sowohl der Knastwelt an sich auch als auch der Bedingungen, die sie produziert. Die blumige Titel erinnert an den dem Text immanenten Freiheitsbegriff, an den auch von den Herausgeber_innen erinnert wird.

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Achtung Revolte!

Artikel in der Jungle World vom 10.1.2013.

Die Insassen der Berliner Gefängnisse haben seit Jahren mit Verschärfungen im Strafvollzug zu kämpfen. Insassen der JVA Tegel haben sich jetzt dagegen zur Wehr gesetzt.

»Die Berliner Gefangenen kündigen Hungerstreik und Revolte an!« Dieser markante Satz aus einem Offenen Brief, den verschiedene Gefangenenorganisationen Anfang Dezember veröffentlichten, sorgte für großes Interesse an einem Konflikt, der sonst wohl wie üblich weitgehend unbeachtet geblieben wäre. Continue reading

Aufstand in der schönen Provinz

Artikel in der Jungle World vom 7. Juni 2012.

Seit Mitte Februar protestieren Studierende in der kanadischen Provinz Québec ­gegen die Erhöhung der Studiengebühren. Mittlerweile solidarisieren sich auch ­Studierende anderer Provinzen mit dem Protest.

Québec erlebt momentan die größten Proteste in der Geschichte der kanadischen Provinz und die bisher größten Studierendenproteste Nordamerikas. Continue reading