Eine Utopie für die Gesundheitsversorgung

In einem Kiez-Gesundheits-Zentrum wollen Berliner Kollektivist_innen die Gesundheitsversorgung politisieren

veröffentlicht in analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 617 / 21.6.2016

Eine sehr lebendige Auftaktveranstaltung zur Idee eines geplanten Kiez-Gesundheits-Zentrums hat das Gesundheitskollektiv Berlin am 26. April 2016 erlebt. Etwa 150 Menschen waren der Einladung der Gruppe in das Jugendzentrum Manege im Berliner Stadtteil Neukölln gefolgt. Als Einstieg in ihre Öffentlichkeitsarbeit für das Projekt hatten die Kollektivist_innen das Motto »Recht auf Stadt, Recht auf Gesundheit« gewählt und damit direkt auf den gesellschaftspolitischen Zusammenhang verwiesen, in dem sie die Idee des Zentrums ansiedeln: Bei Gesundheit handelt es sich um mehr als medizinische Versorgung – entscheidend sind die gesellschaftlichen Bedingungen, in denen wir leben, politische und soziale Faktoren wie Mietsteigerungen, geringes Einkommen, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Rassismus und Alltagsarmut. Continue reading

Veranstaltungshinweis Berlin: Salon der Naturfreund*innen

“Ich möchte Teil keiner Jugendbewegung sein”. Vierter Neuköllner Salon gegen den Ausstieg 

Monatlich zwischen September 2015 und März 2016 im Büro der Naturfreundejugend Berlin (Weichselstraße 13, 12045 Berlin) www.nfberlin-politik.de

Mit Beginn eines Lohnarbeitsverhältnisses oder der Übernahme von Sorgearbeiten für Kinder, Angehörige und Freund_innen lassen sich ehemals politisch engagierte Menschen in linken Zusammenhängen immer seltener blicken. Viele steigen aus – oft wird dies mit Zeitmangel begründet. Wir möchten einen Raum schaffen zum Austausch über die alltäglichen Zwänge und die strukturellen Bedingungen unserer Bemühungen, Lohn- und Sorgearbeit(en) zu organisieren. Wir wollen politisch – nicht moralisch! – über alternative Lebensweisen, widerständige Praktiken und kleine Kämpfe um eigene Freiräume diskutieren. Continue reading

Bewusstseinsperipherie #1

Kurz gemeldet am Stück

Bereits Ende Mai nahm sich der Inhaftierte Peter John in der JVA Tegel das Leben. Sprecher der Insassenvertretung und der Gesamtverwahrtenvertretung äußerten sich nun mit diesem Bericht dazu. Die Verfasser gehen vor allem auf die „Sonderbehandlung“ ein, der John seit langer Zeit seitens der Anstalt ausgesetzt war. 2012 kam es zu einem Skandal, nachdem die Redaktion der Gefangenenzeitung der Lichtblick öffentlich gemacht hatte, er sei auf der Sonderstation B1 bei reduzierter Nahrung gehalten worden. Continue reading

“Fi-Fa-Fusel”

Es gibt nur eine Antwort auf die Frage: »Was kann man tun, um das Strafsys­tem zu verbessern?« Nichts. Ein Gefängnis kann nicht verbessert werden. Mit Ausnahme einiger unbedeutender, kleiner Veränderungen kann man absolut nichts tun, als es zu zerstören.

Peter Kropotkin

 

Was für Zeiten: In der Ukraine stürzen Menschen unter „Revolution“-Rufen Lenin-Denkmäler. In der Yogastunde wird nach der „Tiefenentspannung“ mit einem Lächeln gehaucht: „Dass Deutschland gewonnen hat wisst ihr?“ Und auf der von der Gefängnisleitung gebilligten und in der JVA Tegel gedruckten Gefangenenzeitung „Der Lichtblick“ erscheint Anfang letzten Jahres obiges Zitat. Continue reading

Knastarbeit macht arm

Artikel in der Jungle World vom 12. Juni:

In Berlin haben Gefangene der Justizvollzugsanstalt Tegel eine Gewerkschaft gegründet.

von Johannes Spohr

»Die Demokratisierung scheint auch vor den letzten Bastionen der Ordnung nicht mehr haltzumachen: Sie dringt jetzt in die Zuchthäuser und Gefängnisse ein. Dieser Tage soll in Frankfurt von einigen Juristen die erste Gefangenengewerkschaft der Welt gegründet werden.« Als Gefan­gene in Bonn 1968 versuchten, eine gewerkschaftliche Vertretung zu gründen, wie hier in der Zeit beschrieben, bewegten sie sich in einem gesellschaftlichen Kontext, der sich deutlich vom heutigen unterscheidet. Continue reading

Mörderische Kalkulationen

Ich kann bis heute nichts tun oder sogar denken, wenn ich Hunger habe oder es sehr kalt ist.“ Doroteja Palej, *1936, 1941-1945 in Leningrad

Die Hungerplan-Konferenz – die Neuordnung Europas und der Vernichtungskrieg

2. Mai 1941 – 2. Mai 2014

Ein Theaterstück des Historikerlabors

Doroteja Palej gehörte während des Zweiten Weltkrieges zu den Menschen in der Sowjetunion, die von den Folgen der Hungerplankonferenz betroffen waren. Die so bezeichnete Besprechung deutscher Militärs und Staatssekretäre in Berlin am 2. Mai 1941, bei der der Tod von „zig Millionen Menschen“ als Folge der deutschen Kriegsführung einkalkuliert wurde, wird momentan im Deutsch-Russischen Museum Karlshorst auf die Bühne gebracht. Continue reading

Austreten, bevor die Gebühr kommt

Artikel in der vorgänge Nr. 203 (3-2013), S. 95-97: 

Johannes Spohr

Dass ein Verein seine Mitgliedern beim Austritt zur Kasse bittet, ist zwar nicht schön, aber rechtens. Etwas Besonderes wird daraus jedoch, wenn der Austritt gegenüber einer staatlichen Stelle erklärt werden muss. Beim Austritt aus einer der beiden christlichen Kirchen ist genau das der Fall. In den meisten Bundesländern verdienen Staat und Kirchen gleichermaßen an den dabei erhobenen Gebühren. Auch in Berlin scheint ihre Einführung bereits beschlossene Sache zu sein. Continue reading